Hochsensibles Kind sitzt mit Kopfhörern und Buch unter einem selbstgebauten Rückzugsort aus Decken und Tisch – ein stiller Moment der Geborgenheit und Konzentration beim selbstbestimmten Lernen.

Selbstbestimmtes Lernen statt Schuldruck

Warum Kinder ihren eigenen Weg brauchen

Montagmorgen, kurz vor halb acht. Die Brotdose ist gepackt, die Schuhe stehen bereit und eigentlich könnte es losgehen. Aber manchmal ist da dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Ein Kind, das morgens nicht zur Schule möchte. Ein Kind, das schlecht schläft, Bauchschmerzen hat oder schon beim Gedanken an den nächsten Schultag angespannt ist. Als Mutter und auch durch meine Arbeit mit Kindern habe ich oft erlebt, wie unterschiedlich Kinder mit Schule und Leistungsdruck umgehen. Manche gehen einfach hin, schreiben ihre Arbeiten und machen weiter. Und andere setzen sich selbst so sehr unter Druck, dass Schule irgendwann nicht mehr einfach nur Schule ist.

Wenn Lernen plötzlich nur noch Druck bedeutet

Ich glaube nicht, dass Schule grundsätzlich schlecht ist. Aber ich glaube, dass nicht jedes Kind auf die gleiche Art lernen kann. Nicht jedes Kind kann unter Zeitdruck sein Wissen zeigen. Nicht jedes Kind kann sich in einem lauten Klassenraum konzentrieren. Und nicht jedes Kind kommt damit klar, ständig bewertet zu werden. Manche Kinder brauchen klare Strukturen. Andere brauchen mehr Zeit. Und wieder andere brauchen vor allem das Gefühl, dass sie nicht ständig funktionieren müssen. Wenn ein Kind nur noch Angst davor hat, Fehler zu machen oder nicht gut genug zu sein, geht irgendwann die Freude am Lernen verloren. Und genau das habe ich bei meinem eigenen Sohn erlebt.

Vier Jahre Grundschule waren für uns ein Kampf

Mein Sohn hat sich nicht durch die Grundschule gekämpft, weil er nicht lernen wollte. Im Gegenteil. Er hat sich selbst unglaublich viel Druck gemacht. Wir als Eltern haben nie erwartet, dass er nur gute Noten nach Hause bringt. Trotzdem hatte er diesen Anspruch an sich selbst. Eine Klassenarbeit war für ihn nicht einfach nur eine Klassenarbeit. Er wollte alles richtig machen. Dazu kam, dass ihm der Schulalltag oft einfach zu viel war. Zu viele Kinder, zu viel Lärm, zu viele Eindrücke. Morgens wollte er nicht zur Schule. Abends konnte er oft nicht einschlafen, weil seine Gedanken nicht zur Ruhe kamen. Und irgendwann standen wir an einem Punkt, an dem klar war: So kann es nicht weitergehen. Nicht, weil er nicht klug genug gewesen wäre. Sondern weil diese Art von Schule für ihn einfach nicht funktioniert hat.

Heute lernt er anders

Heute besucht mein Sohn eine integrierte Gesamtschule. Dort wird anders gearbeitet und gelernt. Es gibt mehr Möglichkeiten, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen und den Schulalltag mitzugestalten. Und für ihn hat sich dadurch viel verändert. Natürlich ist nicht plötzlich alles perfekt. Aber Schule ist für ihn heute etwas anderes als damals in der Grundschule. Diese Erfahrung hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen. Denn manchmal sieht man von außen nur: Das Kind geht nicht gerne zur Schule. Aber dahinter kann etwas ganz anderes stecken. Vielleicht ist der Lärm zu viel. Vielleicht setzt sich das Kind selbst unter Druck. Vielleicht hat es Angst, Fehler zu machen. Oder vielleicht passt die Art, wie dort gelernt wird, einfach nicht zu diesem Kind.

Was bedeutet selbstbestimmtes Lernen?

Selbstbestimmtes Lernen bedeutet für mich nicht, dass Kinder einfach machen können, worauf sie gerade Lust haben. Natürlich brauchen Kinder auch Strukturen, Regeln und Unterstützung. Aber sie sollten die Möglichkeit haben, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen. Sie dürfen mitentscheiden. Sie dürfen eigene Wege ausprobieren. Und sie dürfen auch herausfinden, wie sie selbst am besten lernen. Das kann bedeuten, dass ein Kind für eine Aufgabe etwas länger braucht. Oder dass es ein Thema besonders spannend findet und tiefer einsteigen möchte. Nicht jedes Kind lernt auf die gleiche Weise. Und vielleicht müssen sie das auch gar nicht.

Kinder müssen nicht immer alles sofort können

Etwas, das ich sowohl als Mutter als auch in meiner Arbeit mit Kindern gelernt habe: Nur weil ein Kind etwas noch nicht kann, heißt das nicht, dass es das nie können wird. Manchmal braucht es einfach Zeit. Und manchmal braucht es einen anderen Weg. Wir Erwachsenen haben oft eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wann ein Kind was können sollte. Aber Kinder halten sich nicht immer an diese Pläne. Und das ist auch okay. Natürlich gibt es Dinge, die Kinder lernen müssen. Aber nicht jedes Ziel muss bei allen Kindern gleichzeitig erreicht werden.

Was wir Kindern mitgeben können

Ich finde es wichtig, dass Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen. Dass sie Entscheidungen treffen. Dass sie Fehler machen dürfen und daraus lernen. Aber dafür müssen wir ihnen auch zutrauen, dass sie etwas selbst schaffen können. Nicht alles vorgeben. Nicht jeden Schritt kontrollieren. Und nicht immer sofort eingreifen. Manchmal muss ein Kind selbst merken, dass etwas nicht funktioniert. Und manchmal braucht es Unterstützung. Für mich geht es darum, hinzuschauen und nicht einfach für jedes Kind dieselbe Lösung zu erwarten.

Mein Fazit

Ich weiß, dass nicht jede Familie die Möglichkeit hat, einfach die Schule zu wechseln. Und ich weiß auch, dass selbstbestimmtes Lernen nicht für jedes Kind und in jeder Situation gleich aussieht. Aber ich wünsche mir, dass wir genauer hinschauen. Dass wir nicht sofort sagen: „Da muss er jetzt durch.“ Sondern uns fragen: Warum geht es diesem Kind gerade so? Was braucht es? Und gibt es vielleicht einen anderen Weg? Mein Sohn hat mir gezeigt, dass ein Kind nicht faul oder unfähig ist, nur weil es in einem bestimmten System nicht zurechtkommt. Manchmal passt einfach der Weg nicht. Und dann lohnt es sich, nach einem anderen zu suchen.

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