Partizipation in der Kita – Was sie ist und was sie nicht ist
Kleine Stimmen, große Wirkung
„Ich will heute nicht basteln.“ „Ich möchte lieber mit Mia essen.“ „Mir ist nicht kalt – ich brauch keine Jacke.“
Solche Sätze höre ich täglich in der Kita. Und sie sind wertvoll. Denn sie zeigen: Kinder haben eine Stimme. Und wenn wir ihnen zuhören, entsteht echte Partizipation – nicht nur pädagogisches Beiwerk, sondern gelebte Beziehung.
Doch was bedeutet Partizipation wirklich? Und wo wird sie oft missverstanden?
Was Partizipation bedeutet – und warum sie so wichtig ist
Partizipation heißt: Kinder dürfen mitgestalten. Sie dürfen mitentscheiden, mitverantworten, mitfühlen. Es geht um Teilhabe – nicht um Kontrolle. Um Vertrauen – nicht um Beliebigkeit.
Wenn Kinder erleben, dass ihre Meinung zählt, entwickeln sie Selbstwirksamkeit. Sie lernen: „Ich bin wichtig. Ich kann etwas bewirken.“ Das stärkt nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihre sozialen Kompetenzen.
Was Partizipation nicht ist
Ich erlebe es immer wieder: Eltern, die ihre Kinder „einfach machen lassen“ – und das als Partizipation auslegen. Nein, das ist es nicht.
Partizipation ist kein Freifahrtschein. Es ist kein „Du darfst alles, was du willst“. Es braucht Rahmen, Begleitung, Reflexion. Kinder brauchen Orientierung – und Erwachsene, die ihnen zuhören, aber auch Grenzen setzen.
Ein Beispiel: Wenn ein Kind draußen ohne Jacke spielen möchte, heißt das nicht, dass wir es einfach laufen lassen. Es heißt, dass wir gemeinsam hinschauen: Ist dem Kind wirklich warm? Möchte es ausprobieren, wie sich Kälte anfühlt? Können wir es begleiten, statt es zu bevormunden?
Gelebte Partizipation im Kita-Alltag – meine Erfahrung
In meiner Kita versuchen wir – gemeinsam im Team – das Bestmögliche aus echter Partizipation herauszuholen. Und das beginnt bei den kleinen Dingen.
🧥 Jacke oder nicht?
Kinder dürfen selbst entscheiden, ob sie draußen eine Jacke oder Schuhe tragen. Auch wenn uns Erwachsenen kalt ist, heißt das noch lange nicht, dass den Kindern kalt sein muss. Und wie sollen sie lernen, was „kalt“ bedeutet, wenn sie es nicht selbst spüren dürfen?
🍽️ Offenes Essen statt starrer Rituale
Wir arbeiten mit einem offenen Essenskonzept – das Beste, was man bei 50 Kindern anbieten kann. Denn nicht jedes Kind hat zur gleichen Zeit Hunger. Und wir haben nicht die räumlichen Möglichkeiten, alle gleichzeitig essen zu lassen. Die Lautstärke allein wäre für viele Kinderohren unerträglich.
Bei uns dürfen Kinder:
- innerhalb eines Zeitrahmens selbst entscheiden, wann sie essen
- wählen, mit wem sie essen und wo sie sitzen
- entscheiden, was und wie viel sie essen – oder ob sie überhaupt essen
Ja, wir zwingen keine Kinder zum Essen. Denn Essen ist nicht das Wichtigste im Kindergarten. Das Wichtigste ist das Freispiel.
🎨 Freispiel statt Animation
Im Freispiel haben Kinder viele Möglichkeiten, ihre Ideen umzusetzen. Wir Erzieher:innen sind für sie da – aber wir sind keine Animateure. Die Kinder sollen ihre Spielideen selbst entwickeln. Denn nur so lernen sie wirklich.
Leider sind viele Eltern noch anders erzogen worden. Da hieß es: Alle Kinder sitzen zur selben Zeit am Tisch, essen das gleiche Essen, das die Erzieher:innen vorher auf den Teller gelegt haben. Danach basteln alle das Gleiche – und es muss genauso aussehen wie das der Erwachsenen.
Aber Kinder sind keine Kopien. Sie sind Persönlichkeiten. Und Partizipation heißt: ihnen Raum geben, sie begleiten, sie ernst nehmen.
5. Fazit: Partizipation beginnt mit Haltung
Echte Partizipation ist kein pädagogisches Extra. Sie ist Haltung. Sie ist Beziehung. Sie ist Vertrauen.
Wenn wir Kindern zutrauen, mitzugestalten, entstehen starke Persönlichkeiten. Nicht durch Kontrolle – sondern durch Begegnung auf Augenhöhe.
Lasst uns Kindern zuhören. Nicht nur mit den Ohren – sondern mit dem Herzen.