Partizipation in der Kita – Was sie ist und was sie nicht ist
„Ich will heute nicht basteln.“
„Ich möchte lieber mit Mia essen.“
„Mir ist nicht kalt. Ich brauche keine Jacke.“
Solche Sätze höre ich jeden Tag in der Kita. Und genau darum geht es bei Partizipation: Kinder dürfen ihre Meinung sagen und bei Dingen mitentscheiden, die sie selbst betreffen. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder plötzlich alles bestimmen dürfen. Und genau da wird Partizipation meiner Meinung nach manchmal falsch verstanden.
Was bedeutet Partizipation eigentlich?
Partizipation bedeutet, dass Kinder an Entscheidungen beteiligt werden. Natürlich immer in einem Rahmen, der zu ihrem Alter und der jeweiligen Situation passt. Ein Kind kann entscheiden, ob es beim Frühstück neben Mia oder neben Paul sitzen möchte. Es kann entscheiden, womit es spielen möchte oder ob es bei einem Angebot mitmachen möchte. Aber ein Kind kann natürlich nicht über alles entscheiden. Es gibt Regeln, Abläufe und Situationen, in denen Erwachsene Verantwortung übernehmen müssen. Partizipation bedeutet also nicht: Das Kind bestimmt alles. Sondern: Das Kind wird ernst genommen und darf dort mitentscheiden, wo es möglich ist.
Partizipation heißt nicht, Kinder einfach machen zu lassen
Ein Beispiel ist das Thema Jacke. Bei uns dürfen Kinder selbst entscheiden, ob sie draußen eine Jacke tragen möchten. Denn nur weil mir kalt ist, muss einem Kind nicht automatisch auch kalt sein. Kinder dürfen ihre eigenen Erfahrungen machen und merken, ob ihnen warm oder kalt ist. Natürlich schauen wir dabei hin. Wenn ein Kind friert, greifen wir ein und bieten ihm eine Jacke an. Wenn es draußen richtig kalt ist oder die Situation es nicht zulässt, gibt es natürlich auch klare Grenzen. Aber grundsätzlich müssen Kinder nicht genauso angezogen sein, wie wir Erwachsenen es für richtig halten.
Offenes Essen statt: Alle sitzen gleichzeitig am Tisch
Ein Bereich, in dem Partizipation bei uns im Kita-Alltag besonders sichtbar wird, ist das Essen. Wir arbeiten mit einem offenen Essenskonzept. Das bedeutet, dass die Kinder innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbst entscheiden können, wann sie essen möchten. Bei etwa 50 Kindern wäre es für uns auch gar nicht sinnvoll, alle gleichzeitig an einen Tisch zu setzen. Dafür fehlen nicht nur die räumlichen Möglichkeiten – auch die Lautstärke wäre für viele Kinder einfach zu viel.
Die Kinder dürfen bei uns entscheiden:
- wann sie innerhalb des Essenszeitraums essen möchten
- mit wem sie essen möchten
- wo sie sitzen möchten
- was sie von ihrem Essen essen möchten
- wie viel sie essen möchten
Und ja: Ein Kind muss bei uns nicht essen. Wir zwingen kein Kind dazu, seinen Teller leer zu essen. Natürlich schauen wir hin, wenn ein Kind über einen längeren Zeitraum nichts isst oder etwas auffällig ist. Aber grundsätzlich entscheiden Kinder selbst, ob und wie viel sie essen. Für uns ist Essen ein Teil des Tages – aber nicht der Mittelpunkt.
Freispiel ist für Kinder nicht einfach nur Beschäftigung
Ein weiterer wichtiger Bereich ist für mich das Freispiel. Und ich glaube, dass viele Erwachsene unterschätzen, wie wichtig diese Zeit für Kinder ist. Im Freispiel überlegen Kinder selbst, was sie machen möchten. Sie entwickeln eigene Spielideen, finden Spielpartner, lösen Konflikte und überlegen, wie es weitergeht, wenn etwas nicht funktioniert. Wir Erzieherinnen und Erzieher sind dabei natürlich da. Wir unterstützen, wenn Hilfe gebraucht wird, begleiten Konflikte und geben Impulse. Aber wir müssen nicht den ganzen Tag Programm machen. Kinder brauchen auch Zeit, in der nicht ständig jemand vorgibt, was sie jetzt machen sollen. Nicht jedes Kind muss jeden Tag basteln. Und wenn gebastelt wird, müssen am Ende auch nicht 20 gleiche Ergebnisse herauskommen.
Kinder dürfen mitentscheiden – Erwachsene bleiben trotzdem verantwortlich
Partizipation bedeutet nicht, dass Erwachsene ihre Verantwortung abgeben. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen Orientierung geben. Sie brauchen Grenzen. Und manchmal müssen Erwachsene auch Entscheidungen treffen, die ein Kind vielleicht gerade nicht gut findet. Der Unterschied ist für mich aber, ob wir einfach über ein Kind hinweg entscheiden oder ob wir ihm zuhören und überlegen, wo es selbst mitentscheiden kann. Ein Kind muss nicht über alles bestimmen dürfen. Aber es sollte auch nicht den ganzen Tag nur hören, was es jetzt tun soll.
Warum mir Partizipation in der Kita wichtig ist
Kinder verbringen einen großen Teil ihres Tages in der Kita. Warum sollten sie dort bei nichts mitreden dürfen? Natürlich können wir nicht jeden Wunsch erfüllen. Das wäre bei einer Gruppe mit vielen Kindern auch überhaupt nicht möglich. Aber wir können zuhören. Wir können Dinge erklären. Und wir können Kindern dort Entscheidungen überlassen, wo sie diese selbst treffen können. Manchmal sind es wirklich nur kleine Dinge. Wo möchte ich sitzen? Mit wem möchte ich essen? Möchte ich jetzt basteln oder lieber spielen? Brauche ich draußen eine Jacke? Aber genau solche Entscheidungen gehören zum Alltag von Kindern. Und deshalb sollten Kinder auch die Möglichkeit haben, sie selbst zu treffen.
Mein Fazit
Für mich bedeutet Partizipation nicht, dass Kinder alles dürfen. Es bedeutet auch nicht, dass Erwachsene keine Regeln mehr aufstellen oder keine Entscheidungen mehr treffen. Partizipation bedeutet für mich, Kindern zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Ihnen Möglichkeiten zu geben, selbst zu entscheiden. Und gleichzeitig da zu sein, wenn sie Unterstützung, Orientierung oder klare Grenzen brauchen. Denn Kinder müssen nicht den ganzen Tag bestimmen. Aber sie sollten auch nicht den ganzen Tag nur funktionieren.