Mein Kind weint bei der Eingewöhnung – was jetzt?

Mein Kind weint bei der Eingewöhnung – was jetzt?

Der Moment, vor dem viele Eltern Angst haben: Du bringst dein Kind in die Kita, möchtest dich verabschieden – und plötzlich kommen die Tränen. Das Kind klammert sich an dich. Es möchte nicht, dass du gehst. Vielleicht weint es schon beim Ankommen oder erst in dem Moment, in dem du dich verabschiedest. Und natürlich kommt sofort die Frage:

Mache ich gerade etwas falsch?

Ich kann diese Sorge gut verstehen. Nicht nur als Erzieherin, sondern auch als Mutter. Seit 2002 arbeite ich als Erzieherin und habe in dieser Zeit unzählige Eingewöhnungen begleitet. Und eines kann ich ganz klar sagen:

Es gibt keinen Fahrplan dafür, welches Kind bei der Eingewöhnung weint und welches nicht.

Manchmal denkt man aufgrund der Erfahrungen aus der Krippe: Das könnte schwierig werden. Und dann kommt das Kind nach den Sommerferien in den Kindergarten, dreht sich kurz um, winkt und geht einfach spielen. Und dann gibt es Kinder, bei denen vorher alles problemlos lief. Sie waren gerne in der Krippe und haben sich gut getrennt. Im Kindergarten sind sie plötzlich skeptisch und brauchen deutlich länger. Dazwischen liegen manchmal nur drei Wochen Sommerferien. Aber Kinder entwickeln sich. Sie wachsen an ihren Erfahrungen. Und manche Veränderungen sieht man erst, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt.

Weinen beim Abschied ist nicht immer gleich

Ein Kind, das beim Abschied weint, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Manchmal ist es eher ein:

„Ich möchte nicht, dass Mama oder Papa jetzt geht!“

Das Kind ist vielleicht wütend, protestiert oder findet die Situation einfach gerade doof. Und manchmal ist es wirklich Traurigkeit. Das Kind vermisst seine Eltern und kann sich in diesem Moment noch nicht gut auf die neue Situation einlassen. Als Erzieherin muss ich genau hinschauen. Manchmal habe ich gefühlt drei Sekunden Zeit, um einzuschätzen:

Wie sehr braucht mich dieses Kind gerade?

Soll ich direkt hingehen? Nähe anbieten? Erst einmal beobachten? Das Kind auf den Arm nehmen? Oder braucht es vielleicht gerade nur jemanden, der da ist? Natürlich funktioniert das nicht immer auf Anhieb. Aber mit Erfahrung, Beobachtung und dem Wissen über das einzelne Kind entwickelt man ein Gefühl dafür. Und wenn der erste Weg nicht funktioniert, dann wird eben nachjustiert.

Wenn Mama oder Papa gegangen ist und das Kind weint

Auch hier gibt es keine Lösung, die für jedes Kind funktioniert. Das eine Kind möchte sofort auf den Arm. Das nächste versteckt sich in einer Ecke. Ein anderes Kind rennt vielleicht schreiend über den Flur. Und dann gibt es Kinder, die ganz nah bei einem bleiben, aber gar nicht angefasst werden möchten. Deshalb ist für mich das Wichtigste:

Beim Kind bleiben und seine Signale verstehen.

Nicht einfach irgendeine Methode anwenden, weil sie bei einem anderen Kind funktioniert hat. Und vor allem nicht über die Grenzen des Kindes gehen. Wir sprechen mit dem Kind, bieten Nähe an und versuchen, ihm Orientierung zu geben. Wir erklären noch einmal, wo Mama oder Papa hingegangen ist und dass sie wiederkommen. Oft hilft irgendwann ein Spielzeug, eine interessante Situation oder ein anderes Kind. Dann lässt das Weinen langsam nach und man kann anfangen, eine Beziehung aufzubauen.

Wann ist Weinen noch normal?

Ein weinendes Kind bedeutet nicht automatisch, dass die Eingewöhnung nicht funktioniert. Entscheidend ist, was danach passiert.

Ich beobachte zum Beispiel:

  • Lässt sich das Kind von der Erzieherin beruhigen?
  • Nimmt es irgendwann ein Spielzeug?
  • Beobachtet es die anderen Kinder?
  • Lässt es sich ablenken?
  • Hört es nach einiger Zeit auf zu weinen?
  • Sucht es Kontakt zu einer Erzieherin?

Das sind alles kleine Zeichen dafür, dass ein Kind beginnt, in der neuen Situation anzukommen. Natürlich kommt es nicht von heute auf morgen freudestrahlend in die Kita. Manche Kinder brauchen dafür Zeit. Und das ist völlig in Ordnung.

Kinder sind keine Maschinen.

Nicht jedes Kind verarbeitet Veränderungen gleich schnell. Manche gehen in eine neue Situation und denken: Cool, mal schauen, was passiert. Andere brauchen erst einmal Zeit, um zu beobachten. Das ist übrigens bei Erwachsenen nicht anders.

Wann sollte man einen Schritt zurückgehen?

Es gibt aber natürlich auch Situationen, in denen man genauer hinschauen sollte. Wenn ein Kind über einen längeren Zeitraum durchgehend weint, sich überhaupt nicht beruhigen lässt, keinen Kontakt zur Erzieherin zulässt oder sich immer weiter in seine Verzweiflung hineinsteigert, dann würde ich nicht einfach weitermachen wie bisher. Auch wenn ein Kind körperlich stark reagiert oder sich über mehrere Tage überhaupt keine Veränderung zeigt, sollte man miteinander sprechen. Dann kann es sinnvoll sein, einen Schritt zurückzugehen. Vielleicht braucht das Kind noch mehr Zeit. Vielleicht muss die Trennung kürzer sein. Vielleicht braucht es einen anderen Ablauf. Das ist kein Rückschritt im negativen Sinn. 

Es bedeutet einfach:

Wir schauen auf das Kind und passen die Eingewöhnung an.

Genauso wichtig ist aber auch die andere Seite. Manchmal möchte ein Kind eigentlich längst losgehen und spielen – aber die Eltern können sich noch nicht richtig lösen. Das passiert tatsächlich häufiger, als man denkt. Dann ist es auch unsere Aufgabe als Erzieherinnen, den Eltern zu vermitteln:

Hier läuft es gerade gut. Sie dürfen jetzt gehen. Ihr Kind schafft das.

Bitte vergleiche dein Kind nicht mit anderen

Das Kind der Freundin läuft morgens einfach in die Kita. Dein Kind weint. Und sofort kommt die Frage:

Warum funktioniert das bei uns nicht so?

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil Kinder unterschiedlich sind. Man kann ein Kind nicht mit einem anderen vergleichen. Das eine Kind kommt gut mit Veränderungen zurecht, das andere braucht länger. Das eine Kind möchte sofort spielen, das andere beobachtet erst einmal. Und das sagt nichts darüber aus, ob die Eingewöhnung am Ende gut funktioniert. Wir lassen uns als Eltern manchmal viel zu sehr von außen beeinflussen. Von anderen Eltern. Von Bekannten. Von Aussagen wie: „Das müsste doch jetzt langsam funktionieren.“ Aber wer entscheidet eigentlich, was „langsam“ ist? Eine Eingewöhnung ist kein Wettbewerb.

Auch Kinder dürfen die Kita mal doof finden

Das ist vielleicht ein Punkt, den ich Eltern gerne mitgeben möchte:

Kinder dürfen traurig sein.

Sie dürfen wütend sein. Sie dürfen die Kita auch mal doof finden. Und ja – sie dürfen manchmal sogar ihre Erzieherinnen doof finden. Vielleicht gab es Streit mit einem anderen Kind. Vielleicht gab es an diesem Tag besonders viele Regeln. Vielleicht musste das Kind etwas machen, worauf es keine Lust hatte. Vielleicht hat es einfach schlecht geschlafen. Wir Erwachsenen finden unsere Arbeit schließlich auch nicht jeden Tag toll.

Ein: „Ich will heute nicht in die Kita!“ bedeutet deshalb nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt. Wichtig ist, das Kind über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Verändert sich etwas dauerhaft? Hat das Kind wirklich Angst? Erzählt es immer wieder von einer bestimmten Situation? Oder gibt es konkrete Dinge, die Eltern ein ungutes Gefühl geben? Dann sollte man genauer hinschauen und das Gespräch mit den Erzieherinnen suchen. Und auch das eigene Bauchgefühl darf dabei eine Rolle spielen. Wenn ich als Mutter dauerhaft ein schlechtes Gefühl bei einer Einrichtung hätte, würde mich das natürlich beschäftigen. Und Kinder merken auch, wenn ihre Eltern unsicher sind. Deshalb ist es wichtig, offen miteinander zu sprechen.

Warum Kinder zu Hause manchmal erst richtig „explodieren“

Viele Eltern erzählen uns im Gespräch etwas, das zunächst widersprüchlich klingt. Das Kind war zwei Stunden im Kindergarten. Zu Hause schläft es plötzlich ein. Oder es fängt wegen Kleinigkeiten an zu schreien, zu weinen oder völlig zu explodieren. Dabei war in der Kita scheinbar alles in Ordnung. Das bedeutet nicht automatisch, dass sich das Kind dort nicht wohlfühlt. Neue Eindrücke müssen verarbeitet werden. Im Kindergarten passiert unglaublich viel. Neue Kinder, neue Regeln, neue Räume, neue Abläufe, Geräusche und Erwartungen. Das kann anstrengend sein. Und zu Hause ist für viele Kinder der Ort, an dem sie sich fallen lassen können. Dort ist die vertraute Basis. Dort fühlen sie sich sicher. Und manchmal kommen genau dort die Gefühle heraus, die den ganzen Vormittag über noch irgendwo festgesteckt haben. Kinder können diese Überforderung oft noch nicht in Worte fassen. Sie sagen nicht: „Mama, die vielen neuen Eindrücke heute haben mich emotional überfordert.“ Sie schreien. Sie weinen. Oder sie reagieren wegen einer Kleinigkeit völlig anders, als wir es erwarten würden. Und wir Eltern tappen manchmal in die gleiche Falle. Wir verstehen die Situation selbst nicht, fühlen uns überfordert und steigen emotional mit ein. Aber genau dann brauchen unsere Kinder jemanden, der versucht zu verstehen, was gerade hinter diesem Verhalten steckt. Nicht zurückschreien. Sondern begleiten. Das bedeutet nicht, dass man alles gutheißen muss. Aber man kann versuchen zu erkennen:

Mein Kind macht das gerade nicht, um mich zu ärgern. Vielleicht weiß es selbst nicht, wohin mit all diesen Gefühlen.

Heimlich wegschleichen? Für mich ein klares Nein.

Hier bin ich tatsächlich sehr eindeutig. Wenn Eltern eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Kind haben möchten, sollten sie sich verabschieden. Auch dann, wenn das Kind weint. Heimlich wegzuschleichen ist aus meiner Sicht keine gute Lösung. Das Kind sucht plötzlich nach Mama oder Papa. Die Eltern sind weg. Es weiß nicht, warum. Vielleicht fragt es sich beim nächsten Mal:

Bleibt Mama überhaupt noch da, wenn ich gerade nicht hinschaue?

Natürlich verstehe ich, warum Eltern sich manchmal wegschleichen. Sie möchten die Tränen vermeiden. Aber Kinder können mit Ehrlichkeit meiner Erfahrung nach besser umgehen als mit Unklarheit. Lieber sagen: „Ich gehe jetzt. Du bleibst hier und ich komme nachher wieder.“ Dann verabschieden. Und gehen. Ja, das Kind kann dabei weinen. Aber die Erzieherinnen sind dann da, um das Kind aufzufangen. Und wenn Eltern unsicher sind, dürfen sie auch später anrufen und nachfragen.

Nicht nur das Kind braucht Eingewöhnung

Das ist etwas, das manchmal vergessen wird. Auch Eltern müssen sich an die neue Situation gewöhnen. Manche Eltern sind beim Abschied selbst sehr traurig. Manche weinen. Manche sind unsicher und fragen sich ständig, ob sie gerade das Richtige tun. Und ganz ehrlich: Das ist völlig normal. Wir sind Menschen und haben Gefühle. Als Erzieherin sehe ich meine Aufgabe deshalb nicht nur darin, das Kind während der Eingewöhnung zu begleiten. Auch die Eltern brauchen manchmal Zuspruch. Sie brauchen die Rückmeldung:

Das läuft gerade gut.

Oder manchmal auch:

Wir müssen einen Schritt zurückgehen. Dein Kind braucht noch Zeit.

Und manchmal muss man Eltern auch ehrlich sagen, wenn man beobachtet, dass gerade zu viel von ihrem Kind erwartet wird. Nicht als Vorwurf. Sondern in einem ehrlichen Gespräch darüber, was wir beobachten. Auch das gehört für mich zur Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erzieherinnen.

Und was ist, wenn die Eingewöhnung einfach länger dauert?

Dann dauert sie länger. So einfach und gleichzeitig so schwer ist das manchmal. Wir können Kinder nicht beschleunigen, nur weil es organisatorisch besser passen würde. Natürlich müssen wir gemeinsam schauen, wie es für Familien und Beruf möglich ist. Aber am Ende bleibt das Kind ein Mensch mit eigenen Gefühlen und einem eigenen Tempo. Gleichzeitig sollten wir auch nicht bei jeder Träne sofort aufgeben. Die goldene Mitte ist wichtig. Nicht über die Grenzen des Kindes gehen. Aber ihm auch die Chance geben, eine neue Situation zu bewältigen.

Mein wichtigster Rat an Eltern

Wenn dein Kind bei der Eingewöhnung weint, heißt das nicht automatisch, dass etwas schiefläuft. Schau hin. Beobachte dein Kind. Bleib mit den Erzieherinnen im Gespräch. Und vor allem: Vergleiche dein Kind nicht mit anderen.

Vertraue deinem Kind. Sei offen für diesen neuen Schritt. Du darfst selbst traurig sein. Sei ehrlich zu deinem Kind und freue dich gemeinsam mit ihm über diesen großen Schritt.

Denn irgendwann wird aus dem Kind, das sich morgens noch an Mama oder Papa festklammert, vielleicht genau das Kind, das irgendwann nur noch kurz ruft:

„Tschüss, Mama!“

Und dann schon längst auf dem Weg zum Spielen ist.

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