Eingewöhnung in Krippe & Kindergarten – was Eltern wirklich wissen sollten
Der erste Tag in der Krippe oder im Kindergarten ist für viele Familien ein großer Schritt. Für das Kind beginnt ein neuer Alltag mit neuen Menschen, neuen Regeln und vielen neuen Eindrücken. Und auch für Eltern ist diese Zeit nicht immer einfach.
Ich kenne Eingewöhnungen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln. Seit 2002 arbeite ich als Erzieherin. Bis 2011 war ich in einer Mutter-Kind-Kureinrichtung im Krippenbereich tätig. Dort kamen alle drei Wochen neue Mütter mit ihren Kindern zwischen sechs Monaten und zwei Jahren an und blieben drei Wochen. 2012 habe ich noch einmal kurz in einer normalen Krippe gearbeitet, bevor ich selbst Mutter wurde. Seit 2014 arbeite ich in einer Kindergartengruppe mit 25 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren.
Ich habe also unzählige Eingewöhnungen erlebt. Und natürlich hat sich mein Blick darauf im Laufe der Jahre verändert. Früher war ich eine junge, noch unerfahrene Erzieherin. Heute 20 Jahre nach meiner ersten Eingewöhnung habe viel Berufserfahrung und kenne die andere Seite auch als Mutter.
Was ich dabei immer wieder merke: Kinder kommen mit Veränderungen oft besser zurecht, als wir Erwachsenen denken.
Eingewöhnung bedeutet nicht, dass ein Kind plötzlich alles können muss
Wenn Eltern an Eingewöhnung denken, denken sie häufig an die Trennung von Mama oder Papa. Aber eigentlich passiert in dieser Zeit viel mehr.
Das Kind muss eine neue Umgebung kennenlernen. Es muss neue Erwachsene kennenlernen, andere Kinder, neue Regeln und neue Abläufe. Es muss herausfinden, wo seine Sachen liegen, wo es spielen darf, wann gegessen wird und was passiert, wenn Mama oder Papa nicht da sind.
Gerade beim Übergang von der Krippe in den Kindergarten wird das manchmal unterschätzt.
Viele Kinder kennen ihre Einrichtung bereits. Sie waren vielleicht zwei Jahre in der Krippe und haben dort ihren festen Alltag gehabt. Aus Sicht der Eltern ist deshalb verständlicherweise der Gedanke da: Mein Kind kennt die Kita doch schon. Warum sollte es jetzt eine Eingewöhnung brauchen?
Aber der Wechsel in den Kindergarten ist trotzdem eine Veränderung.
Vielleicht ist das Kind bisher jeden Morgen rechts herum in die Krippe gegangen und muss plötzlich links herum in den Kindergarten.
Die Gruppe ist größer. In unserem Kindergarten sind es beispielsweise 25 Kinder. Das sind deutlich mehr Kinder als in einer Krippengruppe. Dadurch ist es lauter und unübersichtlicher. Es gibt andere Regeln, mehr Freiraum und gleichzeitig mehr Dinge, die ein Kind selbst entscheiden und selbstständig erledigen soll.
Das ist eine ganze Menge.
Wie läuft die Eingewöhnung im Kindergarten ab?
Bei uns kennen viele Kinder die Einrichtung bereits aus der Krippe. Deshalb machen wir kurz vor dem Wechsel interne Besuchstage. Die Kinder können ihre neue Gruppe kennenlernen und erste Kontakte zu den Erzieherinnen und den anderen Kindern aufbauen.
Vor dem Wechsel gibt es außerdem ein Gespräch mit den Eltern. Dabei tauschen wir wichtige Informationen aus und besprechen auch, wann der erste Kindergartentag stattfindet und wie lange das Kind zunächst bleibt.
In der Regel starten die Kinder bei uns zunächst mit etwa zwei Stunden.
Danach schauen wir individuell:
Wie geht es dem Kind? Wie gut kann es sich lösen? Wie findet es in die Gruppe?
Wenn alles gut läuft, wird die Zeit am nächsten Tag verlängert. Wenn wir merken, dass ein Kind noch große Schwierigkeiten mit der Trennung hat, kann es auch sein, dass die Eltern zunächst länger dabei bleiben.
Bei uns ist der zeitliche Ablauf grundsätzlich relativ klar: drei Tage etwa zwei Stunden, danach wird die Betreuungszeit auf ungefähr fünf Stunden erweitert und anschließend geht es in die reguläre gebuchte Betreuungszeit.
Eine eigentliche Eingewöhnung dauert im Kindergarten deshalb meistens nicht lange. Oft ist sie nach etwa einer Woche abgeschlossen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass das Kind nach einer Woche bereits alle Regeln und Abläufe sicher beherrscht.
Die neuen Kinder brauchen oft noch deutlich länger unsere Aufmerksamkeit. Wir erklären Dinge immer wieder, zeigen Abläufe erneut und helfen dabei, die Regeln der Gruppe kennenzulernen.
Meistens kann man sagen, dass die Kinder spätestens im Oktober auch von den Gruppenregeln her richtig angekommen sind.
Das ist ein Unterschied, den Eltern manchmal nicht sehen.
In der Krippe ist die Eingewöhnung noch einmal anders
Bei den kleineren Kindern läuft die Eingewöhnung bei uns nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell.
Hier steht die behutsame Eingewöhnung mit einer vertrauten Bezugsperson im Mittelpunkt. Die Kinder sind jünger und haben häufig noch ganz andere Voraussetzungen als Kindergartenkinder.
Ein dreijähriges Kind kann beispielsweise schon verstehen, dass Mama oder Papa wiederkommt. Ein einjähriges Kind kann diese Situation noch ganz anders erleben.
Deshalb sollte man Krippe und Kindergarten bei der Eingewöhnung auch nicht einfach gleichsetzen.
„Aber mein Kind kennt die Kita doch schon!“
Das höre ich im Kindergarten immer wieder.
Und natürlich stimmt es: Viele Kinder kennen das Gebäude, die Erzieherinnen und vielleicht sogar einen Teil der Kinder bereits.
Trotzdem ist der Kindergarten etwas Neues.
Es gibt mehr Kinder. Es ist lauter. Die Kinder bekommen mehr Freiheiten und müssen gleichzeitig mehr selbstständig machen. Sie sollen Entscheidungen treffen, sich an neue Regeln halten und sich in einer größeren Gruppe zurechtfinden.
Gerade die Selbstständigkeit beschäftigt viele Eltern.
Und hier erlebe ich etwas, das mich manchmal schmunzeln lässt:
Eltern wünschen sich selbstständige Kinder – bis die Kinder tatsächlich selbstständig werden.
Zu Hause kann es nämlich ganz schön anstrengend sein, wenn ein Kind plötzlich alles alleine machen möchte oder überall mitentscheiden will.
Im Kindergarten ist genau diese Entwicklung aber wichtig.
Ich höre deshalb immer wieder Sätze wie:
„Das schafft mein Kind noch nicht.“
Und dann erleben wir im Kindergarten, dass das Kind es doch schafft.
Natürlich brauchen Kinder Unterstützung. Aber sie brauchen auch Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen.
Trauen Sie Ihrem Kind etwas zu
Das ist einer meiner wichtigsten Punkte für Eltern.
Ihr Kind muss vor dem Kindergarten nicht perfekt selbstständig sein.
Es muss nicht alles alleine können. Es muss nicht vorher extra trainieren, bei Oma und Opa ohne Mama oder Papa zu bleiben. Und es muss auch nicht jede Alltagssituation zu Hause schon perfekt beherrschen.
Selbstständigkeit sollte altersgerecht wachsen.
Was Kinder aber brauchen, ist das Gefühl:
Mama und Papa trauen mir das zu.
Wenn Eltern ständig sagen:
„Das kannst du noch nicht.“
„Das schaffst du bestimmt nicht.“
„Dafür bist du noch zu klein.“
dann kann das beim Kind durchaus ankommen.
Natürlich darf ein Kind etwas noch nicht können. Dann helfen wir. Aber wir können trotzdem erst einmal schauen, was das Kind bereits alleine schaffen kann.
Was Eltern bei der Eingewöhnung besonders wichtig ist
Ich finde, Eltern sollten mit ihren Kindern vorher ganz klar darüber sprechen, was passiert.
Nicht kompliziert und nicht mit langen Erklärungen.
Zum Beispiel:
„Ich bringe dich heute in den Kindergarten. Du bleibst dort. Ich gehe dann und komme nach zwei Stunden wieder, um dich abzuholen.“
Das Kind weiß dann, was passiert.
Und genau diese Klarheit halte ich für sehr wichtig.
Kinder kommen mit klaren Aussagen meiner Erfahrung nach viel besser zurecht als mit Ausflüchten.
Ich erlebe immer wieder Eltern, die sagen:
„Ich bespreche nur noch kurz etwas mit der Leitung.“
„Ich gehe noch gar nicht.“
„Ich bin gleich wieder da.“
Obwohl eigentlich längst klar ist, dass die Eltern gehen möchten.
Ich verstehe, warum Eltern das tun. Sie wollen ihr Kind nicht traurig machen.
Aber genau dadurch wird die Situation für das Kind oft schwieriger.
Bitte nicht heimlich verschwinden
Ich halte es für sehr wichtig, dass Eltern sich verabschieden.
Auch dann, wenn das Kind weint.
Ein kurzer, klarer Abschied ist besser als ein heimliches Wegschleichen.
Denn wenn ein Kind irgendwann merkt:
Mama oder Papa kann einfach verschwinden, ohne dass ich es mitbekomme, kann das Vertrauen darunter leiden.
Das bedeutet nicht, dass der Abschied jedes Mal lang und emotional sein muss.
Im Gegenteil.
Ein klares:
„Ich gehe jetzt. Du bleibst hier und ich komme nachher wieder.“
kann völlig ausreichen.
Dann verabschieden, gehen und darauf vertrauen, dass die Erzieherinnen das Kind auffangen.
Aber was ist, wenn mein Kind weint?
Dass ein Kind bei der Trennung weint, ist erst einmal nichts Ungewöhnliches.
Eine Trennung darf traurig machen.
Entscheidend ist, wie lange das Kind weint und ob es sich von der pädagogischen Fachkraft beruhigen lässt.
Wir versuchen in der Kita zunächst, das Kind aufzufangen, zu trösten und abzulenken. Oft gelingt das tatsächlich schon nach wenigen Minuten.
Wenn ein Kind sich aber gar nicht beruhigen lässt, müssen wir reagieren.
Dann kann es sein, dass die Eltern zurückgerufen werden und die nächsten Schritte wieder etwas kleiner werden.
Das ist kein Scheitern.
Es bedeutet einfach, dass das Kind gerade noch etwas mehr Zeit braucht.
Deshalb finde ich auch den Satz „Mein Kind hat geweint, also hat die Eingewöhnung nicht funktioniert“ viel zu pauschal.
Ein Kind kann weinen und trotzdem eine gute Eingewöhnung erleben.
Auch zu Hause kann plötzlich alles anders sein
Manche Kinder kommen nach der Kita nach Hause und sind plötzlich völlig fertig.
Sie sind müde, gereizt, anhänglich oder explodieren wegen einer Kleinigkeit.
Auch das kann zur Eingewöhnung gehören.
Stellen Sie sich vor, wie viele neue Eindrücke ein Kind an einem einzigen Vormittag verarbeitet:
Neue Kinder. Neue Regeln. Neue Geräusche. Neue Räume. Neue Erwachsene. Vielleicht eine Trennung von Mama oder Papa. Dazu muss es sich ständig orientieren und vieles neu lernen.
Das ist anstrengend.
Deshalb würde ich gerade in den ersten Tagen nach der Kita möglichst wenig zusätzliches Programm planen.
Nach Hause kommen, etwas essen, kuscheln, spielen oder einfach Ruhe haben.
Wenn das Kind müde ist, darf es schlafen.
Auch Schlaf und Essen können sich in dieser Zeit verändern. Manche Kinder werden plötzlich anhänglicher. Andere brauchen mehr Nähe.
Und wenn ein Kind zu Hause komplett explodiert?
Dann würde ich nicht sofort versuchen, alles mit ihm auszudiskutieren.
Erst einmal Ruhe einkehren lassen.
Wenn sich das Kind beruhigt hat, kann man – wenn es das möchte – Nähe anbieten und die Situation noch einmal gemeinsam besprechen.
„Ich will nicht in den Kindergarten!“
Auch diesen Satz sollten Eltern nicht automatisch als Zeichen dafür sehen, dass etwas in der Kita nicht stimmt.
Wir Erwachsenen haben schließlich auch nicht jeden Morgen Lust auf unsere Arbeit.
Und Kinder haben ebenfalls Tage, an denen sie keine Lust haben.
Vielleicht hatte das Kind Streit mit einem anderen Kind. Vielleicht war ein Tag besonders anstrengend. Vielleicht ist es müde. Vielleicht hat es gerade einfach keine Lust.
Das gehört zum Alltag dazu.
Natürlich sollte man aufmerksam werden, wenn ein Kind dauerhaft Angst hat, sich stark verändert oder konkrete Gründe nennt, die Sorgen machen.
Aber ein einzelnes:
„Ich will heute nicht in die Kita!“
ist noch kein Grund zur Panik.
Rückschritte sind völlig normal
Eine Eingewöhnung verläuft nicht immer geradeaus.
Es kann sein, dass ein Kind zunächst wunderbar in den Kindergarten geht und plötzlich wieder Schwierigkeiten bekommt.
Nach einem Wochenende.
Nach einer Krankheit.
Nach einem Urlaub.
Nach einem Feiertag.
Oder einfach, weil gerade alles ein bisschen zu viel ist.
Das kann passieren.
Wichtig ist dann, mit den Erzieherinnen im Gespräch zu bleiben.
Vielleicht müssen wir wieder zwei Schritte zurückgehen. Vielleicht braucht das Kind wieder etwas mehr Unterstützung.
Was wir meiner Meinung nach aber nicht machen sollten, ist einfach genauso weitermachen, obwohl das Kind deutlich zeigt, dass es gerade nicht kann.
Denn damit gehen wir über seine Grenzen.
Genauso wenig sollten wir sofort aufgeben.
Denn dann nehmen wir dem Kind die Chance, die Situation zu bewältigen.
Wir brauchen hier die goldene Mitte.
Verständnis, Geduld und gleichzeitig klare Orientierung.
Kinder sind keine Maschinen. Sie entwickeln sich nicht jeden Tag gleich.
Was Eltern ihren Kindern mitgeben können
Wenn ich Eltern einen Rat mit auf den Weg geben könnte, wäre es dieser:
Seien Sie klar.
Klar in dem, was Sie sagen.
Und klar in dem, was Sie tun.
Kinder kommen meiner Erfahrung nach mit Klarheit sehr gut zurecht. Mit Unwahrheiten und schwammigen Aussagen dagegen deutlich schlechter.
Wenn Sie sagen:
„Ich gehe jetzt und hole dich nachher wieder ab.“
dann sollten Sie das auch tun.
Wenn Sie sich verabschieden, dann verabschieden Sie sich.
Wenn Sie Ihrem Kind sagen, dass es etwas ausprobieren darf, dann lassen Sie es auch ausprobieren.
Das ist Beziehungsaufbau.
Und auch das eigene Bauchgefühl spielt eine Rolle
Es gibt noch etwas, das ich als Erzieherin und als Mutter wichtig finde:
Sie müssen sich mit der Kita wohlfühlen.
Wenn Sie als Eltern dauerhaft ein schlechtes Bauchgefühl haben, wird die Eingewöhnung schwer.
Kinder spüren sehr genau, wenn Mama oder Papa unsicher sind.
Natürlich ist es normal, dass Eltern am Anfang nervös sind. Das eigene Kind abzugeben, kann emotional sein.
Aber grundsätzlich sollte die Haltung sein:
„Ich habe mich für diese Kita entschieden. Ich vertraue meinem Kind. Und ich vertraue den Menschen, die mein Kind dort betreuen.“
Dieses Vertrauen bedeutet nicht, dass man niemals Fragen stellen oder Dinge ansprechen darf.
Im Gegenteil.
Eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erzieherinnen ist wichtig.
Aber das Kind sollte merken:
Mama und Papa sind sich sicher. Ich bin hier gut aufgehoben.
Eingewöhnung ist ein gemeinsamer Weg
Eine gute Eingewöhnung bedeutet nicht, dass ein Kind keinen einzigen Tag weint.
Sie bedeutet auch nicht, dass nach einer Woche plötzlich alles perfekt sein muss.
Es geht darum, dass ein Kind Schritt für Schritt Sicherheit entwickelt.
Es lernt:
Hier kenne ich mich aus.
Hier sind Menschen, die mir helfen.
Mama oder Papa gehen – und kommen wieder.
Ich kann Dinge alleine schaffen.
Ich darf traurig sein.
Ich darf Hilfe brauchen.
Und ich kann mich hier wohlfühlen.
Als Erzieherin habe ich in all den Jahren unzählige Kinder bei diesem Schritt begleitet. Und als Mutter weiß ich gleichzeitig, wie es sich auf der anderen Seite anfühlt, sein eigenes Kind loszulassen.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke, den ich Eltern mitgeben möchte:
Trauen Sie Ihrem Kind etwas zu. Bleiben Sie klar und ehrlich. Verabschieden Sie sich. Vertrauen Sie den Erzieherinnen. Und geben Sie Ihrem Kind die Zeit, die es braucht.
Denn Eingewöhnung ist kein Wettbewerb.
Jedes Kind hat sein eigenes Tempo.
Und genau das darf auch so sein.